Ein leises Kichern, ein unsicherer Blick, dann Stille. Die Kinder stehen wie eingefroren im Klassenraum, ihre Körper erzählen eine Geschichte – von Ausgrenzung, von Mut, von Zivilcourage. Was auf den ersten Blick wie ein Spiel wirkt, ist in Wahrheit ein intensiver Lernprozess. Zwei vierte Klassen der Grundschule Büchlberg haben sich in vier Schulstunden auf eine besondere Reise begeben: Sie lernten, hinzuschauen, statt wegzuschauen.
Unter dem Motto „Nicht mit uns“ arbeitete Theaterpädagogin Daniela Holler‑Hartmann von der Athanor Akademie Passau Grubweg mit den Schülerinnen und Schülern. Im Mittelpunkt stand die Arbeit mit sogenannten Denkmälern. Die Kinder stellten Situationen nach, in denen es um Zivilcourage ging: Jemand wird ausgelacht, jemand bedroht, jemand ausgegrenzt. Ein „Autor“ bestimmte dabei Haltung, Gestik und Mimik der anderen. Anschließend wurde reflektiert, wie sich diese Situationen anfühlten – für die Betroffenen ebenso wie für die Zuschauenden. „Das war total spannend für die Kinder“, erklärte Lehrerin Lisa Hoffmann. Besonders wichtig sei das Einfühlen gewesen und der Perspektivwechsel. Genau darin liege der große Vorteil der Theaterpädagogik, so Holler‑Hartmann: Man spreche nicht nur über Situationen, sondern erlebe sie unmittelbar. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Rollenschutz. Die Kinder schlüpften bewusst nicht in ihre eigene Rolle, sondern spielten Figuren mit verändertem Namen und Alter. So wurde es auch schüchternen Kindern möglich, andere Seiten auszuprobieren. Ohne diesen Schutz, betonte die Theaterpädagogin, wäre die Arbeit pädagogisch nicht vertretbar.
Ausgehend vom sogenannten IST‑Bild erarbeiteten die Kinder gemeinsam ein Ideal‑Bild. Oft reichten kleine Veränderungen – eine andere Körperhaltung, ein Schritt dazwischen. Ein aktives Eingreifen, etwa einen zeigenden Arm herunterzudrücken, fühlte sich für alle Beteiligten nicht richtig an. Stattdessen lernten die Kinder, Situationen passiv zu entschärfen oder Hilfe zu holen. Als wichtigste Erkenntnisse formulierten sie klare Regeln: Zivilcourage heißt hinschauen, nicht wegschauen. Mut zeigen, sich ein Herz nehmen – aber auch den Kopf einschalten. Nicht jede Situation erlaube sofortiges Eingreifen, manchmal müsse man sich selbst schützen.
Schulleiterin Evi Meisinger war es ein besonderes Anliegen, dieses Projekt in den vierten Klassen durchzuführen. Die Kinder stehen vor dem Schulwechsel, man wolle ihnen wichtige Werte mitgeben. Gezielt ausgewählt wurde das Thema, weil die Schülerinnen und Schüler zuvor im Rahmen der Demokratiepädagogik das Jahresthema „Vielfalt“ gewählt hatten – im Schülerparlament und nicht auf Initiative der Lehrkräfte.
Zum Abschluss entwickelten die Kinder eigene Denkmäler: Ein Kind rutscht auf einer Bananenschale aus, ein anderes hilft, ein drittes zeigt lachend mit dem Finger. Weitere Bilder zeigten Verletzungen oder Überfälle. Aber auch kleine Gesten fanden Platz – etwa einem kleineren Kind ein Buch aus dem Regal zu reichen. Auch das, lernten die Schülerinnen und Schüler, macht einen Alltagshelden aus. Ein Teil der Kosten werde aus dem Programm „Alltagskompetenzen“ der Regierung übernommen. Was bleibt, ist ein starkes Signal: Zivilcourage beginnt im Alltag – und kann schon in der Grundschule wachsen.
(Bericht von Helga Wiedenbein)